
Niklaus Jäger, Oberst i. Gst, Kommandant Kommando MIKA, Schweizer Armee«Jetzt ist die Bedrohung direkter. Wir sind unmittelbar betroffen.»

Als Oberst im Generalstab sind Sie Top-Manager. Was sind für Sie die Qualitäten, die jemanden in einer Führungsposition zum Pionier machen?
Selbstkenntnis. Hat man in der Armee die Gelegenheit zur Reflexion oder muss schnell gehandelt werden?
Sie kommandieren das Kommando MIKA, welches Teil der Höheren Kaderausbildung der Armee ist. Welche Bereiche sind gegenwärtig in der Armee diesbezüglich stark herausgefordert?
Die Armee empfindet man von aussen häufig als erratischen Block. Wie können Sie hier Ihre Talente als Pionier einbringen?
Aber wir haben seit etwa 2015 probiert, das zu öffnen. Wir haben damals gemerkt, dass insbesondere Frauen Probleme mit der Armee hatten. Genauer: Mütter. Denn sie müssen ihre Söhne abgeben in einen Block, wo sie keinen Zugang, keine Ahnung und überhaupt kein Verständnis haben. Das haben wir versucht zu öffnen.
Aber weil die Armee ein so grosses System ist, lässt sie auch immer wieder andere zu. Unser aktueller Chef der Armee hat so einen Spruch: «Es gibt die Red Monkeys und es gibt die Farmers.» Ich weiss nicht, ob Sie dieses Bild kennen.
Nein, kenne ich nicht.
Und da sind Sie frei.

Sie sind unser oberster Red Monkey. Und keiner weiss es.
Sie sprechen die limitierten Karrieremöglichkeiten an. Sie können sich nicht selbstständig machen und sagen: «Das hier passt mir nicht mehr. Ich gründe eine Konkurrenz-Armee.»
Klar, wir sind in einem hierarchischen System. Ich bin angewiesen auf gute Qualifikationen. Wir sind sogar in einem Monopolberuf.
Kommt dazu: So nach 20 Jahren ist man nicht mehr vermittelbar gegen aussen. Dennoch, und das ist diese Analogie zur katholischen Kirche, wir sind so gross, dass wir genau solche Elemente brauchen, um eben Disruption voranzubringen.
Als ex-Kommunikationschef, der Sie im Herzen vielleicht noch immer sind, wissen Sie, dass es bei der Kommunikation nicht nur ums Sprechen geht, sondern ebenso ums Zuhören.Welchen Stellenwert hat bei Ihnen das Zuhören?
Wie stellen Sie sicher, dass Sie wirklich noch zuhören können?
Sie haben es angesprochen, wir leben in anderen Zeiten als noch vor zehn Jahren. Die Bedrohungslage wird ganz anders wahrgenommen. Sehen Sie darin eher eine Chance oder die Gefahr?
Es ist zweischneidig. Wer etwa in Merkel eine «Friedenskanzlerin» sieht, zeigt eine etwas eurozentristische Sichtweise. Sie war eine Vertreterin der Idee «Kooperation durch Verschränkung des Handels». Aber weltweit gab es immer zwischen 30 bis 50 offene Konflikte.
Jetzt ist die Bedrohung direkter, näher. Meine drei grossen Sorgen sind erstens eine Weltwirtschaftskrise. Zweitens diese Kultur des Bullying, also das Recht des Stärkeren. Die Art und Weise, wie man mit supranationalen Organisationen umgeht, lässt ja wieder zu, dass man Länder erobert. Das Dritte ist dieser Kulturkampf, der sich jetzt entwickelt hat, insbesondere in Amerika. Aber vor allem auch bei uns etwas näher: Ungarn und Slowakei – Polen wird folgen. Da sind wir in Auseinandersetzungen und Fragestellungen drin, die wir uns vorher nicht hätten vorstellen können.
Welche meinen Sie konkret?
Was sind die Konsequenzen?

Sie werden sicher anders wahrgenommen als vor zwanzig Jahren.
Ich denke, dass Sie in Ihrer Position nicht nur mit externen Widerständen umgehen müssen. Wie gehen Sie mit internen Widerständen um?
Das ist ein bisschen, wie wenn man am Morgen aufwacht und sagt: «Wenn ich keine Schmerzen mehr habe, bin ich tot.» Sobald ich also mal keine Widerstände mehr spüren würde, hätte ich das Gefühl, ich würde falsche Dinge machen.
Für mich sind Widerstände immer ein Zeichen, dass wir Triggerpoints erreicht, jemanden aus seiner Komfortzone rausgeholt und dass wir Punkte haben, die sehr wahrscheinlich verfolgenswert sind. Und deswegen habe ich immer das Gefühl, ich wachse an Widerständen. Ich brauche die fast, auch um dann jeweils die Einordnung machen zu können. Man wird nie in der Lage sein, alle Widerstände vorwegnehmen zu können.

